Shanties und Seemannslieder
Von Reinhard Rubach, Wasserschutzpolizei, Bremerhaven

Das Shanty ist etwas für den der wissen will, was für ein Leben das eigentlich war, als die herrlichen Segelschiffe noch in ihrer Wolke von weißen Segeln fuhren und als Handel auf den sieben Meeren noch hieß:
sich hinüberblasen lassen.....
oder auf den Grund des Ozeans zu sinken.
Für die “lustige Teerjacke”, Jan maat, den “Mann vor dem Mast” – für den einfachen Matrosen war dieses Leben kurz, einsam und freudlos, wenn man von drei Dingen absieht: dem gelegentlichen fürchterlichen Besäufnis, den schon selteneren Mädchen in einer Hafenstadt und den immer gegenwärtigen Trost seiner Lieder.
So sang der Seemann seine Shanties; kurze abgehackte, lautmalerische Gesänge, die seine Arbeit den Rhythmus geben sollten, oder längere balladenartige Lieder, mal frech und lustig, mal sehnsüchtig und voller Verlangen.

Weil aber zur Arbeit auf den Segelschiffen mehr gehört als die Shanties; erwachen rund um die Seemannslieder tausend Dinge zu neuem Leben, die einst auf den Windjammern zum Alltag gehörten: die eigene Sprache an Bord mit ihren uralten Namen für Segel, Masten und Tauwerk; Stürme, Schiffbruch, Schmuggel und Seeräuberei; aber auch Häfen, Heimkehr und die Liebe der Matrosen.
Traditionelle Shanties sind seemännische Arbeitslieder, deren Rhythmen das Tempo für den gemeinsamen Krafteinsatz an der Ankerwinde, an den Pumpen, beim Bergen von Segeln oder Netzen oder beim Landholen von Fischerbooten angeben. Heute gehören sie zum Volksliedgut seefahrender Nationen.
Technische Entwicklungen jüngster Zeit haben mannschaftliche Schwerstarbeit  auf See unnötig werden lassen. Folglich entstehen in technisch hochentwickelten Ländern keine neuen seemännischen Arbeitslieder. An ihrer Stelle sind Lieder getreten, die von der Crew zur Geselligkeitspflege gemeinsam gesungen werden (Lukensongs). Man könnte sie als Feierabendshanties bezeichnen. Musikalisch knüpfen sie an die Folklore der Traditionellen Shanties an, und inhaltlich verbindet sie unkomplizierter situationsbezogener Witz mit ihren Vorläufern. Wie diese sind sie in Vorsängertext und Chortext gegliedert.
Auch die englische Sprache unterscheidet zwischen “seasong” und “shanty”. Seasongs sang der Seemann in der Freizeit. Sie werden auch “Forebitters” (bit = Poller, forebitter = Poller auf der Back) genannt.
In lauen Passatnächten saß Hein Seemann auf der Back, um sich zu erholen, weil es in seinem Logis, in der “Focksel” unter der Back oder im Deckshaus, wo die Mannschaft wohnte, vielleicht zu warm und stickig war. “ From Boston harbour we will steer ...” ist ein derartiger Focksel-song oder Forebitter oder Seasong.

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